Der Klang bremsender Züge vermischt sich mit Durchsagen an Bahnsteigen, den Gesprächen hunderter Menschen und den Geräuschen der Stadt. Der Hauptbahnhof Dortmund ist, wie alle großen Bahnhöfe, laut, voll und oft auch hektisch.
Mitten in dieser Hektik gibt es, ein wenig versteckt und von der Eingangshalle nicht sofort sichtbar, einen Ort der Ruhe und Sicherheit. Die Türen der ökumenisch getragenen Bahnhofsmission in Dortmund stehen allen Menschen offen. Wirklich allen?
„Ja, bei uns sind alle Menschen willkommen, solange sie sich an unsere Regeln halten“, bestätigt Christina Wittler. Sie ist Sozialarbeiterin bei IN VIA Dortmund und stellvertretende Leitung der Bahnhofsmission.
Gemeinsam mit ihrer Kollegin Svetlana Berg von der Diakonie Dortmund gestaltet sie einen Ort, der für zahlreiche Menschen zu einer festen Anlaufstelle im Alltag geworden ist – und manchmal auch zu einem Wendepunkt.
Am Paderborner Bahnhof geht es zwar im Vergleich zu Dortmund ein wenig ruhiger zu, bei der Bahnhofsmission ist jedoch mindestens genau so viel Betrieb. Auch hier steht die Tür des eigenen kleinen Bahnhofsmissionsgebäudes auf Gleis 1 allen Menschen offen.
Leiterin Felicitas Kniesburges und ihr Team aus haupt- und ehrenamtlich Engagierten haben alle Hände voll zu tun, denn oft wenden sich am Tag mehr als 160 Rat- und Hilfesuchende an die Paderborner Bahnhofsmission, wenn das warme Mittagessen zweimal in der Woche ausgegeben wird, kommen an manchen Tagen sogar 200 Gäste.
Eine Mission mit 130-jähriger Geschichte – und klarer Haltung
1894 wurde die erste Bahnhofsmission am Berliner Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof) gegründet, 1900 – bereits 6 Jahre später – begann die Bahnhofsmissionsarbeit in Dortmund und im Jahr 1910 auch am Bahnhof in Paderborn. Dass sie überhaupt existiert, geht auf das Engagement katholischer und evangelischer Frauen zurück, die sich für den Schutz junger Mädchen einsetzten.
„Die Bahnhofsmission hat ihre Wurzeln bei IN VIA“, erinnert sich Christina Wittler anlässlich des 125-jähriges Jubiläums im letzten Jahr. Die Zusammenarbeit mit der Diakonie ist im Lauf der Jahre gewachsen und mittlerweile eine große Bereicherung.
„Wir sprechen uns viel ab, was Haltung, Richtung, Ereignisse betrifft“, so Christina Wittler. Kollegialer Austausch und professionelle Diskussionen gehören dazu – und machen die Arbeit spannend und wertvoll.
Auch in Paderborn wird die Bahnhofmission ökumenisch von IN VIA und Diakonie im guten Miteinander getragen. „Wir treffen gemeinsam alle Entscheidungen und teilen uns Aufgaben und Kosten zu gleichen Teilen“, sagt Margarete Schwede, Vorständin bei IN VIA Paderborn. „Und die Kosten werden zu 80% durch die katholische und evangelische Kirche finanziert, ohne die Kirchen könnten wir die Bahnhofsmissionsarbeit in Paderborn nicht leisten.“
An beiden Standorten gilt:
Wer Menschen als Menschen behandelt und respektiert, ist hier willkommen.
Ehrenamt mit Anspruch

Getragen wird die tägliche Arbeit der Bahnhofsmissionen von den geschulten Ehrenamtlichen. In der Paderborner Bahnhofsmission stellen sich aktuell 28 Engagierte dieser wertvollen Aufgabe, die mit hohen Anforderungen verbunden ist.
„Das Ehrenamt in der Bahnhofsmission ist schon anspruchsvoll“, sagt Christina Wittler von der Bahnhofsmission Dortmund. „Man kommt mit vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt. Das kann sehr bereichernd sein, manchmal allerdings auch Kraft kosten.“
Deshalb sind eine fundierte Schulung und eine Unterstützung durch das Hauptamt unerlässlich: Deeskalation, Nähe und Distanz, gewaltfreie Kommunikation, Umgang mit psychischen Erkrankungen und viele weitere Themen müssen ständig neu geschult oder aufgefrischt werden.
„Wir wollen unseren Ehrenamtlichen den größtmöglichen Werkzeugkasten an die Hand geben. Damit das Ehrenamt gut ausgeführt und für alle sinnvoll und bereichernd wird.“
Gäste mit Geschichten – und Hoffnung
Die meisten Gäste sind Männer zwischen 27 und 65 Jahren, oft mit Suchtproblemen und sozialen Schwierigkeiten. Viele kommen regelmäßig – für ein Gespräch, für ein Stück Normalität.
Natürlich können auch Reisende, die sich nur für einige Stunden zwischen zwei Zügen am Dortmunder Hauptbahnhof aufhalten, die Bahnhofsmission besuchen. Einige ruhige Minuten im Reisetrubel sind ihnen sicher.
„Circa 60 Prozent unserer Besucherinnen und Besucher in Dortmund sind Stammgäste“, sagt Christina Wittler. „Meist aber immer nur für ein oder zwei Jahre. Dann sind sie weg. Und dafür sind dann andere da.“
Für einige der (Stamm)Gäste ist die Bahnhofsmission die einzige Anlaufstelle nach einem langen Weg durch das Hilfesystem. Wenn Ämter, Behörden und andere Angebote nicht mehr weiterhelfen, können die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Bahnhofsmission dabei helfen, neue Wege zur Hilfe zu finden.
Die Bahnhofsmission ist kein Ort der Versorgung, sondern der Begegnung. „Ein Kaffee ist bei uns kein Produkt, sondern ein Türöffner für ein Gespräch. Die erste Frage ist meistens: „Was ist Ihr Anliegen heute?“
In der Paderborner Bahnhofsmission wird in den letzten 5 Jahren vor allem die Armut von Frauen sicht- und spürbar. Mit mehr als 12.000 Kontakten zu Frauen im Jahr 2025 hat die Zahl der hilfesuchenden Frauen einen traurigen Rekordwert erreicht.
Herausforderungen und massiv wachsende Nachfrage
Einige gesellschaftliche Entwicklungen, wie steigende Armut, Wohnungsnot und das Erstarken extremer und menschenfeindlicher Haltungen, sind für Christina Wittler Grund zur Sorge.
„Der Schritt von reisender Person zur im Schlafsack liegender Person ist mittlerweile nur noch eine Glücksfrage“, sagt sie. Doch diese Tatsache führt nicht zu mehr Empathie, sondern leider eher zu einer stärkeren Ablehnung und mehr Aggression gegenüber wohnungslosen Menschen.
Angesichts solcher Entwicklungen bleibt die Bahnhofsmission ein Ort der Hoffnung.
„Wir versuchen, nach bestem Wissen und Gewissen zu helfen. Und das unkompliziert und pragmatisch. Wenn wir helfen können, tun wir das auch.“
Bei der Bahnhofsmission Paderborn suchten 2025 über 40.000 Menschen Hilfe und Unterstützung. In den letzten 5 Jahren hat sich die Zahl damit mehr als verdoppelt. Diese massiv gewachsene Nachfrage nach dem Angebot der Bahnhofsmission hat für Leiterin Felicitas Kniesburges und ihr Team zwei sehr unterschiedliche Seiten. Einerseits zeigen die Zahlen, dass die Bahnhofsmission so dringend gebraucht wird wie nie zuvor. Andererseits ist diese Tatsache ein mehr als erschreckendes Warnsignal für eine gesellschaftliche Entwicklung, die immer mehr Menschen in die Armut und an den Rand treibt.
Hintergrund: Die Bahnhofsmissionen in Dortmund und Paderborn sind beide in ökumenischer Trägerschaft der jeweiligen IN VIA Ortsverbände und dem örtlichen Träger der Diakonie.
Die Bedarfe in den Bahnhofsmissionen steigen stetig und dennoch gibt es keine gesicherte Finanzierung für diese wichtigen Aufgaben. Daher sind beide Bahnhofsmissionen der Diözese jedes Jahr dringend auf Spenden angewiesen. Diese sind über die folgenden Bankkonten möglich:

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